Narrative Atmosphären – Eine räumliche Übersetzung des Romans »Nachtzug nach Lissabon«

EXHIBITION CONCEPT, EXPERIMENT, SPACE

Diese Arbeit setzt sich mit der zentralen Frage auseinander, wie sich der Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Peter Bieri, der unter dem Pseudonym Pascal Mercier bekannt ist, auf Räumlichkeiten übertragen und die Erzählung in ein dreidimensionales atmosphärisches Spannungsfeld transportieren lässt. Über die detaillierte Analyse der Romaninhalte und zweier narrativer Ausstellungen, wurden Gestaltungsprinzipien entwickelt, die im Entwurf eingearbeitet wurden. Der Fokus lag auf dem Entwerfen und Gestalten aus der Erzählung heraus. Entstanden sind neun Räume, die eine Zusammenfassung und Pointierung von Situationen aus dem Roman darstellen. Vergleichbar mit einem Baukastenprinzip können die Entwurfselemente herausgenommen und auf Ausstellungsräume übertragen werden.

Einblick in Raum 1: »Goldschmied der Worte«

Hintergrund der Geschichte
Raimund Gregorius, ein bodenständiger, zuverlässiger und angesehener Lehrer für Griechisch, Latein und Hebräisch, unterrichtet seit 33 Jahren an dem Berner Gymnasium, an dem er selbst als Schüler war. Er lebt ein sehr geordnetes, ruhiges und routiniertes Leben bis ihm eines Tages durch die Begegnung  mit einer namenlosen, gefühlsverwirrten Portugiesin, der Klang des Wortes »Português« nicht mehr aus dem Kopf ging. Zufällig gefundene, vergilbte Aufzeichnungen eines adeligen Portugiesen und die Macht ihrer Poesie bringen ihn nun ganz aus seinem Lebensrhythmus. Mit dem Gedanken an die verrinnende Zeit und „der riesigen Distanz, die er im Inneren in weniger als vierundzwanzig Stunden zurückgelegt hatte“, macht er sich nun auf die Reise nach Lissabon und auf die Suche nach dem »Goldschmied der Worte.«

Raumkonzept . Entwurfselemente
Die Einführung in das Thema stellt den Auftakt der Ausstellung dar. Im Zentrum des Raumes befindet sich das Buch des adeligen Portugiesen Amadeu Inácio de Almeida Prado mit dem Titel »Goldschmied der Worte«. Umfasst wird der Raummittelpunkt von zwei halbrund gebogenen Acrylglasscheiben, die mit der Einleitung des Buches mittels einer Gravur versehen sind. Diese Elemente befinden sich in einem quadratisch hellen Raum, der durch die weiße Wandfarbe die Schlichtheit von Gregorius´ bisherigen Leben wiederspiegelt. Traditionelle portugiesische Fliesen, sogenannte »Azulejos«, ziehen sich parallel von einer Raumecke über die andere. Ergänzt werden diese mit monochromen Fliesen, die sich an den Farbklang der »Azulejos« anpassen. Abstrahierte Fliesenmotive ergänzen das Zusammenspiel, wie ein Farbklecks in einem Aquarellbild. Der Einfluss von Prados Buch auf Gregorius Leben zeigt sich in diesem Verlauf.

Gestaltungsprinzip
– Einbindung kultureller Merkmale
– Übersetzung von Poesie in sanfte Farbtöne, gewählte Komposition der Fliesen und Einbindung einer geschwungenen Schriftart
– Weiches, diffuses Licht wird mit gerichtetem Licht kombiniert

 Einblick in Raum 5: »Spuren der Vergänglichkeit«

Hintergrund der Geschichte
Amadeu de Prado hält am letzten Tag seiner Schullaufbahn die Abschlussrede vor allen Lehrern und Mitschülern. Es ist eine gewaltige und gewagte Rede.  Sie grenzt an Gotteslästerung und hebt den Glanz seiner Persönlichkeit hervor. Selbst Pater Bartolomeu, ein Lehrer Prados, ist überwältigt von seiner Rede, kann dies jedoch durch seine Stellung nicht zum Ausdruck bringen.
Gregorius, der auf seiner Reise Personen und Orte aufsucht um mehr von Prado zu erfahren, versucht sich an der Vorstellung, wie es gewesen sein müsste, genau an diesem Ort diese Rede zu hören. Er sucht das Liceu, das von Prado besuchte Gymnasium, auf und steht „inmitten einer vollständigen Weltlosigkeit“. Er wollte Prados Rede dort lesen, wo er sie gehalten hatte. „Die Verlassenheit des Raums hatte (…) alles zu Vergangenheit werden lassen.“

Raumkonzept . Entwurfselemente
Der durch seine Höhe sakral anmutende Raum ist in weiße Farbe getaucht. Diese symbolisiert die Unnahbarkeit der Vergangenheit. Elemente der Raumbeschreibung aus dem Buch finden sich in abgewandelter Form wieder. Ein Relief eines Gotikfensters, das optisch auf einer Seite abnimmt und in die Wand übergeht, zeichnet die Spuren der Vergänglichkeit ab. Eine Glasscherbeninstallation, die eine Momentaufnahme eines zerspringenden Fensters zeigt, unterstützt diese Aussage. In der Mitte des Raumes, auf einem Plateau, kann der Rezipient auf einem Sitzmöbel die Rede von Prado entweder lesen oder über eine Medienstation anhören. Dort befinden sich auch herausnehmbare Acrylglaslinsen, die der Besucher in die Hand nehmen und den Raum bzw. die Glasscherbeninstallation durch einen anderen Blickwinkel betrachten kann. Der versetzte Blick greift die Thematik des Wiederkehrens bzw. das Aufsuchen eines besonderen Ortes in einer anderen Zeit auf. Zwei Raumwände sind mit einer Struktur versehen, die sich auf dem Boden des Raumes durch eine Hinterleuchtung abzeichnet. Die Struktur greift ein Formelement des Gotikfensters auf.

Gestaltungsprinzip
– Anmutung der Stimmung auf Raumproportionen übertragen
– Merkmale eines Raumtypus transferieren
– Zeitsprünge begreifbar bzw. ablesbar machen
– Spuren der Vergänglichkeit hervorheben

 Einblick in Raum 6: »Eintritt in die Historie«

Hintergrund der Geschichte
Amadeu de Prado steht vor der Wahl das Leben von Rui Luís Mendes, dem sogenannten „Schlächter“ von Lissabon, einem hohen Offizier der Geheimpolizei, zu retten oder ihn durch Sekunden der Untätigkeit sterben zu lassen. Er ringt mit seinem Gewissen: „Ein Leben gegen viele Leben. So kann man doch nicht rechnen. Oder?“ Seine Berufung als Arzt und der Eid des Hippokrates verpflichten ihn jedoch dazu, ein jedes Leben retten zu müssen. Er zögerte einige Sekunden und stach die lebensrettende Spritze in das Herz des „Schlächters“. Was er zu dem Zeitpunkt jedoch nicht wusste, ist, dass jene Situation sein ganzes Leben prägen würde. „Ich will etwas tun, (…) verstehst du: tun. Sag mir, was ich tun kann.“ – waren seine Worte, als er dem Widerstand beitreten wollte, um „einen vermeintlichen Buch der Loyalität mit Mendes´ Opfern zu sühnen.“

Raumkonzept . Entwurfselemente
Der Raum »Eintritt in die Historie« ist in drei Raumabschnitte gegliedert. Der Besucher wird im ersten Raumabschnitt über die prekäre Situation von Prado und seinen Beweggründen zum Beitritt in den Widerstand informiert. Um näher an die historischen Ereignisse zur Zeit des Regimes von António de Oliveira Salazar und dem Tag der Nelkenrevolution am 25.04.1974 zu kommen, betritt der Besucher einen raumgroßen Bilderrahmen. Er tritt somit in die vergangene Zeit hinein. Von Decke bis Boden reichende Banner, die mit Schwarzweißaufnahmen geschichtlicher Ereignissen bedruckt sind, vermitteln dem Besucher den Eindruck inmitten des Geschehens zu sein. Über Lautsprecher wird das Lied der Revolution – Grandola, Vila Morena – eingespielt. Vom Eintritt bis zum wörtlich genommenen Austritt aus der Geschichte verändert sich die Raumform durch eine Verjüngung. Am engsten Punkt des Raumes kommt die Erlösung – die Revolution hat das Regime gestürzt – der Raum öffnet sich. Dort, im dritten, hellen und öffnenden Raumabschnitt, haben die Besucher Zeit sich auf Sitzelementen auszuruhen und über die geschichtlichen Ereignisse nachzudenken.

Gestaltungsprinzip
– besondere Raumwirkung durch Eingriff auf orthogonale Linien
– akustische Reize durch Materialwechsel und Medieneinsatz setzen

Konzeptphase